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Die inzwischen eingetroffenen englischen Zeitungen in China bringen interessante Einzelheiten über die Vorgänge unmittelbar vor und bei dem Abbruch der deutsch-chinesischen Beziehungen. Namentlich ist es der Pekinger Vertreter des in Schanghai erscheinenden „North China Herald“, der seinem Blatte einen bis zum 27. Februar reichenden zusammenhängenden Bericht darüber erstattet hat; es ergänzt ihn dann der weitere Bericht eines chinesischen Korrespondenten, der bis zum 17. Februar geht. Der englische Vertreter hat sich in der Regel als gut unterrichtet erwiesen, indessen schreibt er natürlich, ebenso wie sein chinesischer Kollege, nach den englischen Darstellungsvorschriften, und so ist es nicht ganz einfach, aus dem Wust von Verdrehungen und Beschimpfungen das Tatsächliche und Wahrscheinliche herauszufinden. Das folgende kann daher im einzelnen nur unter allem Vorbehalt Geltung beanspruchen.

Am 3. Februar brachen die Vereinigten Staaten ihre Beziehungen zu Deutschland ab, und unmittelbar danach erging an die neutralen Staaten die Aufforderung, diesem Beispiele zu folgen. An China gelangte die Aufforderung durch eine Note des amerikanischen Gesandten in Peking, Dr. Reinsch, an das chinesische Auswärtige Amt. Sie war für das letztere eine vollkommene Überraschung, und die erste Wirkung war bei dem Präsidenten wie bei dem Ministerpräsidenten unbedingte Ablehnung: man stand zu Deutschland in einem freundschaftlichen Verhältnis und hatte keinerlei Veranlassung, daran etwas zu ändern. „Die Ergebnisse waren entmutigend“, sagt der englische Korrespondent. Noch am 6. Februar wurde dem deutschen Gesandten im Auswärtigen Amte gesagt, China denke nicht an ein Aufgeben der Neutralität. Inzwischen begann aber Dr. Reinsch „seinen persönlichen Einfluß nach jeder nur möglichen Richtung hin geltend zu machen, und mühte sich ab, die Vorteile nahe zu bringen, die China zufallen würden, wenn es jetzt unerschrocken auf die Seite von Recht und Menschlichkeit träte.“ Zunächst klärte der Gesandte die Chinesen darüber auf, daß nun, nachdem Amerika sich auf die Seite der verbündeten Mächte gestellt habe, an einen Sieg Deutschlands nicht mehr zu denken sei, und daß die Chinesen ihren bisher unerschütterten Glauben daran aufgeben müßten. Die Vorteile, die China haben würde, wenn es beim Friedensschlusse an der Seite des Siegers stände, lagen auf der Hand, man braucht sich nur seiner hilflosen Lage gegenüber Japan, seiner Geldnot und seiner Vereinzelung den europäischen Großmächten gegenüber zu erinnern. Außerdem versicherte Amerika, daß die übrigen Neutralen sich voraussichtlich ebenfalls anschließen würden. Trotz alledem ließ sich die chinesische Regierung zu nichts anderem überreden, als eine sehr maßvolle Note wegen der U-Boote an Deutschland zu richten, und auch das nur, wenn das Parlament seine Zustimmung gäbe. Dr. Reinsch „und seine Landsleute“ bearbeiteten nunmehr die in Peking anwesenden Revolutionshelden der amerikanischen Schule, die ihrerseits den Ministerpräsidenten mit „Revolution und jeglicher Art von Zusammenbruch“ bedrohten und einen Teil der Parlamentsmitglieder sowie ehemalige Minister und andere höhere Beamte auf ihre Seite brachten. In stürmischer Weise wurde von ihnen der Anschluß an Amerika gefordert. Dieser Druck schüchterte die Regierung soweit ein, daß sie sich am 9. Februar zum Absenden der scharfen Protestnote an Deutschland bewegen ließ, die am 15. Februar in Berlin überreicht wurde. Um aber in jedem Falle vor dem gefürchteten Japan Sicherheit zu haben, ließ die Regierung in Tokyo anfragen, wie sich die dortige Regierung zu Chinas Aufgeben der Neutralität stellen würde. Am 10. Februar suchte der chinesische Gesandte den japanischen Minister des Äußeren, Baron Motono, auf, und dieser versicherte ihm, anscheinend in etwas orakelhafter Weise, daß „seine Regierung China sicherlich so weit wie möglich bei Bewahrung der Ordnung unterstützen würde, wenn ein Bruch zwischen Deutschland und China erfolgen sollte. Voraussetzung sei dabei, daß China die besonderen Interessen Japans beachte“.

Inzwischen schwoll aber die Bewegung im Lande immer stärker an, und zwar waren die Ansichten dermaßen geteilt, daß um die Mitte des Monats noch niemand zu sagen vermochte, welche von ihnen die Oberhand behalten würde. Namentlich die militärischen Kreise in den Provinzen erhoben nachdrücklichen Einspruch gegen das Vorgehen der Regierung und gründeten ihn auf folgende Erwägungen:

  1. Der Europäische Krieg berührt China nicht in dem Maße wie diejenigen behaupten, die dem Beispiele der Vereinigten Staaten zu folgen wünschen.
  2. Niemand weiß zur Zeit, welcher Seite einmal der Sieg zufallen wird.
  3. Da der deutsch-japanische Zusammenstoß in Tsingtau auch chinesisches Gebiet in Schantung betrifft, so muß China beim Friedensschluß gehört werden, auch wenn es nicht am Kriege beteiligt gewesen ist.
  4. Der uneingeschränkte U-Bootkrieg wird die Beendigung des Krieges, die die ganze Welt herbeisehnt, beschleunigen.
  5. Da China nicht imstande ist, mit Deutschland in einen Krieg einzutreten, unter dem Vorwande, „den Frieden des Fernen Ostens zu schützen“, so könnte Japan gegen Chinas Handlungsweise Einspruch erheben.
  6. China sollte seine Neutralität bis zu Ende wahren, da dies die einzige Politik ist, die einem so schwachen Staate in so kritischen Zeiten geziemt.

Am 10. Februar erfolgte in der Sitzung des Parlamentes eine von 20 Mitgliedern unterstützte Anfrage an die Regierung wegen ihres Vorgehens gegen Deutschland. Die Fragesteller wiesen auf die weittragenden Folgen dieses überraschenden Schrittes hin, dessen Gründe nicht erkennbar und dem Parlamente bisher nicht mitgeteilt seien. Da die Regierung es nicht für angezeigt gehalten habe, das letztere in’s Vertrauen zu ziehen, so trage sie allein die Verantwortung für alle Folgen, die sich aus dem Proteste ergeben würden, „dessen Wortlaut den Abbruch der freundschaftlichen Beziehungen zu Deutschland unvermeidlich machen dürfte“. Der Ministerpräsident Tuan Tschi-jui gab hierauf die seine Unsicherheit kennzeichnende Antwort: „Die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland sind bisher nicht abgebrochen. Sollte aber unser Protest einen solchen Abbruch zur Folge haben, so würde es noch sehr die Frage sein, ob der Krieg erklärt werden würde oder nicht“. Das Parlament erklärte diese Antwort für unbefriedigend und richtete nunmehr an die Regierung die drei folgenden Fragen:

  1. Nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Deutschland wird es für uns unmöglich sein, den Beitritt zu der Entente zu vermeiden. Ist dieser Beitritt mit irgend welchen Bedingungen verbunden? bejahenden Falls, welches sind diese Bedingungen? und sind sie bereits vereinbart?
  2. Welche militärischen oder sonstigen Pflichten werden wir nach dem Beitritt zu übernehmen haben? und wie werden wir die Kosten hierfür während des Krieges oder nach ihm aufbringen?
  3. Wie ist der Kriegswert unseres Heeres? Ist Sicherheit dafür geboten, daß die Ententemächte nicht in unsere Heeresverwaltung eingreifen und somit unsere nationale Verteidigung beeinflussen werden?

Die Antwort der Regierung auf diese Fragen ist seither nicht bekannt geworden und wird es vielleicht auch in Zukunft nicht werden. Je länger die deutsche Antwort auf die chinesische Einspruchsnote auf sich warten ließ, wohl auch je mehr die Zurückhaltung der übrigen Neutralen bekannt wurde, um so heftiger wurde der Widerspruch im Lande. Er sammelte sich vor allem um den Vizepräsidenten Feng Kuo-tschang, der auf das dringendste vor einem Abbruch der Beziehungen zu Deutschland warnte. Mehrere Parteiführer verließen die Hauptstadt, um in Mittel- und Süd-China für Beibehaltung der Neutralität zu wirken, verschiedene chinesische Zeitungen, die bisher für die Entente Stimmung gemacht hatten, besannen sich eines anderen und schrieben gegen den Bruch, und noch am 17. Februar schreibt der chinesische Korrespondent, daß „jetzt die Lage friedlicher sei als vor zwei Wochen“, daß „die Friedensbewegung unzweifelhaft jeden Tag stärker werde“, und daß „es unmöglich sei, zu sagen, ob China jemals den Bruch mit Deutschland vollziehen werde“.

Gegen Ende Februar tritt nun plötzlich eine Wandlung in Feng Kuo-tschangs Anschauungen ein. Hatte er bis dahin fest an den schließlichen Sieg Deutschlands geglaubt, so ist er jetzt vom Gegenteil überzeugt. Die Gründe hierfür, die der englische Korrespondent unter dem 22. Februar („North China Herald“ v. 3. März) angibt, entbehren nicht einer besonderen Bedeutung. Man habe dem Vizepräsidenten eine Weltkarte in Mercator’s Projektion vorgelegt und darauf klar gemacht, wie man „das ganze Kampfgebiet, wo Deutschland einige Erfolge erzielt habe, mit dem Daumen zudecken könne“, während der ganze gewaltige Rest dagegen stünde. Diese Darlegung habe seinen Glauben an eine deutsche Siegesmöglichkeit vollkommen vernichtet und damit seinen Widerspruch zum Schweigen gebracht. Wirksamer noch hätten aber die Deutschen selbst den Ministerpräsidenten Tuan Tschi-jui zugunsten der Entente beeinflußt. Schon das deutsche Friedensangebot im Dezember hätte ihn in seinem Glauben an die Stärke Deutschlands wankend gemacht, da für ihn ein solches Angebot nur als ein Ausfluß der Schwäche deutbar gewesen sei. Ferner habe dann der deutsche Gesandte von Hintze „auf die genialen Methoden hingewiesen, mit denen die deutschen Naturforscher die Chemikalien erlangten, die für die Herstellung von Munition nötig seien. Dabei habe er triumphierend mitgeteilt, daß sie aus den toten Soldaten Glyzerin gewännen.“ Daran habe Tuan Tschi-jui die hoffnungslose Lage der Deutschen erkannt.

Diese letztere Mitteilung des englischen Korrespondenten verdient besondere Beachtung. Am 10. April erschien im Berliner „Lokalanzeiger“ der Bericht über Kadaververwertung, der von französischen und englischen Blättern in der bekannten Weise gefälscht worden ist. Am 30. April erklärte Lord Cecil im englischen Unterhause, daß „die Angaben jener Fälschung glaubwürdig seien, und daß die Regierung daher ihre Weiterverbreitung durch diesen Kanal zugelassen habe“. Hier wird dieselbe Geschichte von der Verwertung von Soldatenleichen bereits unter dem 22. Februar von einem Engländer aus Peking gemeldet, und zwar, da er selbst sich nicht damit behängen mag, als vom deutschen Gesandten stammend erzählt. Dazu kommt, daß ähnliches schon vor Weihnachten von arabischen Zeitungen in Ägypten berichtet wurde. Es kann somit keinem Zweifel unterliegen, daß die Geschichte von den Soldatenleichen spätestens schon im Beginn des Winters in England hergestellt und zunächst zur Verbreitung in orientalischen Ländern verwandt worden ist. In dem Berichte des „Lokalanzeigers“ hat man dann eine Möglichkeit zu sehen geglaubt, sie auch in Europa einzuführen.

Nachdem der Vizepräsident und der Ministerpräsident für den Bruch mit Deutschland gewonnen waren, blieb der Präsident Li Yuan-hung, dem anscheinend nachträglich Bedenken gekommen sind über den einmal getanen Schritt, ganz oder fast ganz allein im Kabinett mit einer Weigerung, weiter zu gehen. Noch am 26. Februar erklärte er, daß er an den Sieg der deutschen Waffen glaube, und daß er keinen Teil haben wolle an einer Politik, die dahin führen müsse, China die deutsche Freundschaft zu entfremden.

Der weitere Verlauf der Dinge ist in seinen Umrissen bekannt. Es gab stürmische Auftritte im Kabinett, eine Szene zwischen dem Ministerpräsidenten und dem Präsidenten der Republik, zeitweilige Amtsflucht des ersteren, schließlich nach Eintreffen der deutschen Antwort vom 11. März Verkündigung des Bruches am 14. März, und Genehmigung durch das Parlament nach erregten Kämpfen und anscheinend in geheimer Sitzung.

während über die Vorgänge Mitte März und später noch keine Nachrichten vorliegen, finden sich in der „Peking Gazette“ vom 7. März noch einige Einzelheiten über die Gedankengänge der führenden chinesischen Politiker. Danach vertraten einige von ihnen, vielleicht war sogar der Präsident selbst darunter, den Standpunkt, daß Chinas Verhalten bestimmt werden müsse durch die japanische Gefahr. Diese bestehe vor allem darin, daß Japan sich in Schantung dauernd an die Stelle von Deutschland setze und dadurch, nachdem es die südliche Mandschurei und östliche Mongolei bereits in Besitz genommen, über die Zukunft von ganz Nord-China entscheiden würde. Das zu erreichen sei Japans Kriegsziel, und es zu verhindern müsse dasjenige Chinas sein. Die Entente aber sei durch Abmachungen gebunden, Japan bei der Friedens-Konferenz in seinem Bestreben zu unterstützen, China würde mithin, wenn es Mitglied der Entente würde, keine Ansprüche hiergegen geltend machen können. Aus diesen Gründen dürfe China nicht der Entente beitreten, sondern müsse sich, da es den nun einmal getanen Schritt nicht wieder rückgängig machen könne, eng an Amerika anschließen und mit diesem „eine dritte Gruppe“ bilden, die zwar bei Bekämpfung des gemeinsamen Feindes der Entente Hilfe leiste, aber ihre eigenen Kriegsziele verfolge. So würden China und Amerika Sitz und Stimme bei der Friedens-Konferenz haben und dort ihre Forderungen geltend machen können, ohne durch irgend welche Entente-Abmachungen dabei gehindert zu sein. Sie würden beide die chinesischen Ansprüche in Schantung vertreten, an denen Amerika in gleicher Weise interessiert sei wie China. Des weiteren brauche China, wenn es nicht Mitglied der Entente sei, der Aufforderung, „den deutschen Einfluß in China zu beseitigen“, nicht nachzukommen. Eine solche Beseitigung sei weder ein chinesisches, noch ein amerikanisches, noch ein europäisches, sondern nur ein japanisches Interesse (? der Verf.), denn an Stelle der vertriebenen Deutschen würden die Japaner, nicht aber Amerikaner oder Engländer oder Franzosen oder Russen treten. Also enger Anschluß an die Vereinigten Staaten zum Schutze gegen Japan!

Auf diesem Hintergrunde wird die Erregung weiter Kreise und vor allem des Präsidenten der Republik gegen den Ministerpräsidenten verständlich, wenn man aus der gleichen Nummer der „Peking Gazette“ erfährt, daß der Ministerpräsident etwa Anfang März die Absicht hatte, den chinesischen Gesandten in Tokyo anzuweisen, der dortigen Regierung die Mitteilung zu machen, daß „China beschlossen habe, die Beziehungen zu Deutschland sofort abzubrechen und im gegebenen Augenblicke der Entente beizutreten“. Und zwar soll dieser Schritt vornehmlich auf den Rat des bekannten Reform-Theoretikers Liang Ki-tschao hin beschlossen sein, der, gemeinsam mit mehreren anderen, den Standpunkt vertrete, daß China bei seiner folgenschweren Politik nur in freundschaftlichem Einvernehmen mit Japan handeln dürfe. Der Präsident der Republik widersetzte sich dem Vorhaben des Ministerpräsidenten als einem verfassungswidrigen auf das bestimmteste, da eine solche Mitteilung, die einer Kriegserklärung an Deutschland gleichkomme, nur ihm selbst unter Mitwirkung des Parlamentes zustehe. Hierüber erfolgte der Bruch zwischen den beiden Würdenträgern, der Ministerpräsident verließ die Hauptstadt, Feng Kuo-tschang aber gelang es, den Aufgeregten am 6. März zur Rückkehr zu bewegen und einen Ausgleich mit dem Präsidenten herbeizuführen. Ob jene inhaltschwere Anweisung schließlich nach Tokyo gelangt oder unterblieben ist, erfahren wir leider noch nicht. —

Wie Eingangs bemerkt wurde, lassen sich die Einzelheiten dieser Darstellungen auf ihre Richtigkeit nicht prüfen, indessen kann immerhin das Folgende mit Sicherheit daraus hergeleitet werden:

Lediglich durch den starken Druck Amerikas ist China zu seinem Bruch mit Deutschland genötigt worden. Bei der ausgesprochen deutschfreundlichen Stimmung im Lande genügten hierbei politische und andere Versprechungen nicht, sondern es bedurfte einer Einschüchterung der schwachen Regierung durch die unruhigen Elemente der amerikanischen Schule. Die geheimnisvolle und plötzliche Umstimmung des Vizepräsidenten und des Ministerpräsidenten legt den Verdacht nahe, daß noch andere, wenig saubere Mittel angewendet sind.

Ausschlaggebend für China ist die Angst vor Japan gewesen, sei es, daß man sich unter den Schutz Amerikas flüchten zu können glaubte, oder daß man durch Beitritt zur Entente auch ein freundschaftliches Einvernehmen mit Japan über alle Fragen zu erlangen hoffte; jedenfalls erwartet man, an einer künftigen Friedenskonferenz teilnehmen und die chinesischen Ansprüche in Schantung dort geltend machen zu können.

Einheitlich ist weder im Parlamente noch im Lande die Auffassung über die Zweckmäßigkeit des nur durch Überraschung ermöglichten Schrittes, da noch nicht feststeht, welcher Seite die günstigeren Ergebnisse des Krieges zufallen werden, und man die Freundschaft eines neu aufblühenden Deutschlands nicht verscherzen will.

Zerstörung oder Wegnahme deutschen Besitzes ist von China selbst kaum zu befürchten, sofern nicht der unzweifelhaft bevorstehende Druck der Entente-Mächte das wehrlose Land dazu zwingt. Soweit es an China selbst liegt, würde Deutschland seine Tätigkeit dort nach dem Kriege da wieder aufnehmen können, wo es sie abgebrochen hat.

Amerika glaubt China als seines Verbündeten und Schutzbefohlenen zu bedürfen, um seine Interessen in China Japan gegenüber wirksam zu wahren. Ob eine Übereinkunft mit England vorliegt, ist nicht zu ersehen.

Undurchsichtig bleibt von hier aus die Stellung Japans. Das angebliche Zusammenwirken mit Amerika dürfte über bestimmte wirtschaftliche Fragen nicht hinausgehen. Ob ihm das Heraustreten Chinas aus seiner Neutralität in Wirklichkeit genehm ist, läßt sich zur Zeit nicht beurteilen. Seine Antwort an China ist zweideutig, da man nicht weiß, wie weit es seine „besonderen Interessen“ gesteckt hat. Vielleicht läßt sich ein Anhalt gewinnen, wenn man erfährt, ob China sich bei seiner weiteren Politik unter die Führung Japans gestellt hat, wie es nach dem Vorhaben des Minister-Präsidenten geschehen wäre, oder ob es sich in allem seinen Tun lediglich durch Amerika bestimmen läßt. Klarheit hierüber muß sich schon in naher Zukunft ergeben.

Während der vorstehende Aufsatz zum Druck geht, treffen weitere Zeitungen aus China bis zum 14. März ein, in denen sich wertvolle Ergänzungen der obigen Ausführungen finden. Danach befanden sich unter denen, die nachdrücklich vor dem Bruch mit Deutschland warnten, mehrere hervorragende Persönlichkeiten, die in Amerika erzogen sind und die aus ihrer Hinneigung zu den Vereinigten Staaten nie ein Hehl gemacht haben. Die bekanntesten von ihnen sind Tang Schao-yi und Wen Tsung-yao, beide Kantonesen, beide in schwierigen Stellungen der internationalen Politik erprobt, beide führende Geister während der Ereignisse der letzten Jahre und beide von amerikanischen Idealen erfüllt. Tang Schao-yi hat unter anderem i. J. 1906 mit der indischen Regierung in Kalkutta die langwierigen Verhandlungen wegen des Tibet-Abkommens geführt. Wen Tsung-yao war 1908/09 zweiter Kommissar in Lha-sa und hatte dort Gelegenheit, die Wirksamkeit der englischen Politik und ihrer Träger in der Nähe zu beobachten. Der Eindruck, den er dabei erhalten, spiegelt sich wieder in seiner Übersetzung des englischen Blaubuches über Tibet von 1910 (er ist, ebenso wie Tang Schao-yi, des Englischen vollkommen mächtig). In dem Vorworte zu dieser Übersetzung bemerkt er: „Das Studium dieses Blaubuches enthüllt die wirklichen Pläne der englischen Politik, und von der Hinterlist, der Verschlagenheit, der kleinlichen Gier dieser Politik können die meisten Menschen sich keine Vorstellung machen.“ Diese beiden Männer nun, die in politischen Dingen unter die Oberfläche zu sehen gelernt haben, sind durch das in Peking betriebene Spiel aufs äußerste beunruhigt und haben, der „Peking Gazette“ vom 14. März zufolge, das nachstehende Telegramm an die beiden Häuser des Parlamentes gesandt:

„Die große Wichtigkeit, die der gegenwärtig schwebenden diplomatischen Frage beigemessen werden muß, hat uns bis jetzt bewogen zu schweigen, da wir nicht wagten, über die Politik der Regierung vorzeitig Äußerungen laut werden zu lassen. Aber nachdem wir die ganze Lage reiflich erwogen haben, sind wir zu dem Schluß gekommen, daß es für China unmöglich ist, in seiner Stellungnahme zu Deutschland in die Fußtapfen der Vereinigten Staaten zu treten, und daß aus einem Zusammengehen mit den Ententemächten mehr Schaden als Nutzen für unser Land erwachsen wird. Zur Begründung dieser unserer Überzeugung erlauben wir uns, den Mitgliedern dieses ehrenwerten Hauses unsere Ansichten vorzutragen.

Obwohl die Vereinigten Staaten ihre diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abgebrochen, haben sie ihm den Krieg nicht erklärt. Der Grund hierfür ist der Umstand, daß die Deutschen in Amerika der Gerichtsbarkeit der V. St. unterworfen sind, sodaß keine Befürchtung vorliegt, daß die Deutschen im Lande während dieser kritischen Zeit Komplotte und Verschwörungen anstiften. Aber unser Land ist in einer ganz anderen Lage. Durch die Exterritorialität sind wir an Händen und Füßen gebunden, wir werden, selbst nach Abbruch der diplomatischen Beziehungen, machtlos sein, die Tausende von Deutschen in Schach zu halten. Selbst wenn der Gesandte einer anderen Macht die deutschen Interessen übernehmen sollte, so ist es doch mehr als fraglich, ob er in der Lage sein wird, und die Mittel hat, die Tausende von Ausländern zu überwachen. Wie kann es den Behörden unter solchen Verhältnissen gelingen, Ruhe und Ordnung im Lande aufrecht zu erhalten? Wenn dies aber nicht gelingt, dann wird kein anderer Ausweg übrig bleiben, als Deutschland den Krieg zu erklären. Aus diesem Grunde, fürchten wir, wird es nicht möglich sein, dem Beispiele der V. St. zu folgen, d. h. die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abzubrechen, ohne ihm auch den Krieg zu erklären.

Die Kriegserklärung an Deutschland und der Anschluß an die Ententemächte wird Unruhe und Aufruhr im Lande zur Folge haben, die es dann ohne Zweifel mit sich bringen werden, daß wir uns mit der Bitte um militärische Hilfe an die fremden Mächte wenden müssen, um der Lage wieder Herr zu werden. Dann kann es sehr leicht kommen, daß die Rechte unserer staatlichen Selbständigkeit dadurch Schaden erleiden.

Die einzige Beschwerde, die China gegen Deutschland vorzubringen hätte, ist, daß eine Anzahl chinesischer Arbeiter ihr Leben auf einem französischen Dampfer verloren haben, der von den Deutschen torpediert worden ist. Schließlich ist es aber doch die Schuld der Arbeiter, wenn sie sich auf einem Schiff eines kriegführenden Macht einschiffen, das durch die Gefahrzone fährt. Man kann diese Handlungsweise nur mit einer Motte vergleichen, die blindlings gegen ein offenes Feuer anfliegt. Die Ententemächte haben ihren Frauen und Kindern und anderen Zivilpersonen in den verschiedensten Fällen verboten, den Seeweg zu benutzen; soll etwa dieses Verbot bei chinesischen Arbeitern keine Anwendung finden, die man angeworben hat, um in Europa in die Dienste der Entente zu treten? Die Anwerbung und der Transport von Arbeitern auf Schiffen, die der großen Gefahr ausgesetzt sind, vernichtet zu werden, ist eine Maßnahme, die sowohl den Arbeitgeber wie den Arbeitnehmer gleich strafbar macht. Würde die Regierung ihr Dasein auf’s Spiel setzen, nur um die Abstellung dieser vermeintlichen Ungerechtigkeit seitens Deutschlands durchzusetzen?

Eine noch phantastischere Vermutung ist darin zu erblicken, daß wir in die Reihe der Großmächte aufrücken in dem Augenblick, wo wir unser Los mit dem der Entente verknüpfen. Die Fragen, die man aufwerfen muß, sind: Hat unser Land die Konsular-Gerichtsbarkeit aufgehoben? Bestehen in diesem Land noch die sogenannten Einflußsphären? Solange diese internationale Knechtschaft fortbesteht, gibt es keinen Weg, das Land zu einer Großmacht zu erheben. Jedenfalls sollte die Regierung Chinas, der die Macht in die Hand gegeben worden ist, die auswärtige Politik nicht mit der gleichen Nachgiebigkeit und dem gleichen Zuvorkommen nach den Wünschen eines anderen Landes führen, wie ein Freund dem andern ein Geschenk anbietet.

Da das Parlament die höchste gesetzgeberische Organisation des Landes ist und mit der Macht ausgestattet ist, über Fragen zu entscheiden, die Leben und Tod der Nation angehen, so sollte es die größte Besonnenheit in der Entscheidung dieser Angelegenheit walten lassen. Es steht zu hoffen, daß die Versammlung dem Geschwätz über Vorteile, die dem Lande durch Eintritt in den Krieg erwachsen sollen, kein allzu williges Ohr leihen wird, auch sollte sie sich nicht bewogen fühlen, aus diesem Grunde für eine Kriegserklärung an Deutschland zu stimmen, und ferner sollte nicht außer Acht gelassen werden, welch schwerwiegenden Schritt es bedeutet, die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abzubrechen. Das Parlament sollte sich vor der Täuschung bewahren, daß ein solcher Bruch nicht notwendiger Weise den Krieg nach sich zu ziehen braucht.

Die Angelegenheit ist von fundamentalster Wichtigkeit und die ganze Lage ist äußerst kritisch. Hoffentlich werden die Abgeordneten die letzte Entscheidung in dieser großen Frage mit männlicher Entschlossenheit zu treffen wissen.“

Den Warnungen dieser und anderer einflußreicher Persönlichkeiten haben sich nach dem „Echo de Chine“ vom 10. März die Handelskammern des Reiches angeschlossen, die nicht müde geworden sind, immer wieder auf Beibehaltung der Neutralität hinzuwirken.

Auch den Wortlaut des Telegramms, das der bekannte Revolutionsführer Sun Yat-sen an Lloyd George richtete, und daß in der Sitzung des englischen Unterhauses vom 19. März den Gegenstand einer Anfrage an die Regierung bildete, erfahren wir durch die eben erwähnte Nummer des „Echo de Chine“:

„Als chinesischer Patriot und als dankbarer Freund Englands, dem ich mein Leben verdanke,“ schreibt Sun Yat-sen, „halte ich es für meine Pflicht, Eure Exzellenz auf die für China wie für England schädlichen Folgen der Agitation aufmerksam zu machen, die von einigen Ihrer hiesigen Beamten betrieben wird, um China in den europäischen Konflikt hineinzuziehen. Ich bin von hervorragenden Engländern aufgefordert worden, die Frage eines Beitritts Chinas zu der Entente zu erwägen, und nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Entschluß gekommen, daß es für beide Länder verderblich sein würde, wenn China seine Neutralität aufgäbe.

China ist eine noch in den Kinderschuhen steckende Republik und als Nation gleicht es einem Kranken, der sich zu seiner Wiederherstellung eben in ein Sanatorium begeben hat. Außerstande, zu dieser Zeit nach eigenem Ermessen zu entscheiden, bedarf es der Überwachung und aufmerksamer Sorge. Aus diesem Grunde kann China nicht als ein organisiertes Land angesehen werden. Es hat sich nur aufrecht erhalten durch die Macht der Gewohnheit und durch die Empfindungen eines friedliebenden Volkes. Aber sobald die geringste Zwietracht entstehen sollte, wird die allgemeine Anarchie herrschen. Bisher haben die Chinesen immer ein unbegrenztes Vertrauen in die Stärke Englands und auf seinen bevorstehenden Sieg gehabt, aber dieses Vertrauen hat sich stark vermindert, seitdem jene Agitation kurzsichtiger, wenn auch wohlmeinender Personen eingesetzt hat, die sogar von gewissen englischen Tageszeitungen unterstützt wird, die soweit gehen, die Entsendung mehrerer chinesischer Divisionen nach Mesopotamien zu predigen.

Wenn China in den Krieg einträte, so würde dies gefährlich für sein nationales Leben und schädlich für das Ansehen Englands im fernen Osten sein. Der einzige Grund für das Verlangen nach Chinas Beitritt zu der Entente ist für die Chinesen die Unfähigkeit der Verbündeten, gegen Deutschland den Kampf zu führen.

Nun hat jetzt der Ministerpräsident Tuan dem Präsidenten der Republik einen Bericht überreicht, worin er ihn in Kenntnis setzt, daß die Entente-Mächte China zwingen, sich ihnen anzuschließen. Diese Frage hat bereits bedenkliche Meinungsverschiedenheiten unter unseren Staatsmännern hervorgerufen. Der Zwiespalt könnte die Anarchie verursachen, die dann wieder zwei mächtige und gefährliche Elemente auf den Plan rufen wird, nämlich die fanatischen Fremdenfeinde und die chinesischen Muhamedaner. Seit unserer Revolution sind die fremdenfeindlichen Bewegungen von uns unterdrückt worden, aber der fremdenfeindliche Geist ist noch vorhanden und könnte sich die kritische Zeit zunutze machen, um neue Boxer-Unruhen hervorzurufen, die mit einer allgemeinen Niedermetzelung der Fremden enden würden. Wenn der Krieg gegen irgend ein Land erklärt wird, dann werden die unwissenden Massen die eine Nation nicht von der anderen unterscheiden können, und die Folgen werden für England wegen seiner bedeutenden Interessen im Osten verhängnisvoller sein als für andere.

Ferner darf man die chinesischen Muhamedaner nicht außer acht lassen. Gegen ihr heiliges Land kämpfen, würde einer Tempelschändung gleichkommen.

Ich fürchte, die schlimmste Folge der Anarchie in China würde ein Zwiespalt unter den Ententemächten sein, und ein solcher würde Verderben für die Sache der Entente bedeuten. Unter diesen Umständen und in dieser kritischen Stunde kann China nichts anderes tun als streng die Neutralität zu wahren.

Die Veranlassung, warum ich Eurer Exzellenz Aufmerksamkeit auf jene schädliche Agitation lenke, beruht nicht bloß auf meinem Wunsche, China vor der Anarchie und der Auflösung zu bewahren, sondern sie wird auch durch meine wärmste Zuneigung zu einem Lande bedingt, dessen Interessen mir am Herzen liegen, und dessen Unverletzlichkeit, Achtung und Ehre zu verteidigen ich allen Anlaß habe.“

Es ist verständlich, daß die französische Zeitung die Frage stellt, wie es möglich war, daß dieses Telegramm, wenn es schon einmal abgeschickt war, auch noch den Weg in die Öffentlichkeit finden konnte!

Man sieht, daß chinesische Politiker auf den verschiedensten Gedankewegen zu der Überzeugung kommen, daß die Richtung, die von der Politik ihrer Regierung eingeschlagen ist, China leicht zum Verhängnis werden kann. Wie in Rußland, so ist jetzt in Ostasien vom Anglo-Amerikanertum ein neuer Feuerbrand in die Zündmassen geschleudert worden. Niemand vermag heute zu sagen, wessen Haus von den Flammen am meisten leiden wird.

O. Franke

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