Nicht mit einem Male, aber Schritt für Schritt, so steht zu hoffen, werden sich die Möglichkeiten für ein wirksames Eingreifen und Einfließen amerikanischen Kapitals zum Zwecke des Wiederaufbaus des europäischen Wirtschaftslebens erweitern. Ob sie nun auf der vorgeschlagenen Konferenz von Vertretern der Zentralnotenbanken, falls diese sich verwirklichen sollte, oder bei Gelegenheit anderer Veranstaltungen sich ergeben, jedenfalls ist die Teilnahme von Vertretern amerikanischer Banken an solchen Beratungen wünschenswert, insofern sie die Geneigtheit der Vereinigten Staaten zum Ausdruck bringt, mit Europa bei der Lösung seiner wirtschaftlichen Probleme, so weit wir dazu Hilfe leihen können, zusammenzuwirken. Selbst wenn es wahr wäre, was die „Kleinamerikaner“, wie sie Vanderlip genannt hat, behaupten wollen, daß die Vereinigten Staaten unter Umständen auch ohne Europa gedeihen könnten, so würde es doch sogar vom Standpunkt eines aufgeklärten Egoismus aus Amerika immer noch gebühren, Europa bei der Überwindung seiner Schwierigkeiten zu Hilfe zu kommen. Tatsache ist jedoch, daß die Wiedergesundung Europas eine Angelegenheit von vitaler Wichtigkeit für die Vereinigten Staaten ist.
Können amerikanische Bankiers die Festlegung einer Finanzpolitik fördern, die dahin führt, den Goldstandard im Auslande wieder aufzurichten, so werden die Vereinigten Staaten als ganzes daraus Vorteil ziehen. Daß die generelle Wiederherstellung der Golddeckung außerhalb der Vereinigten Staaten eine Verringerung von deren Goldbeständen mit sich bringen würde, bildet noch keinen Grund für eine Opposition gegen gesunde Maßnahmen, welche zu solchen Währungsreformen beitragen werden. Die Vereinigten Staaten verfügen über genügend Gold und können noch einiges erübrigen von ihren 3 766 000 000 $ Gold, welche Menge gleich 40% des gesamten Münz- und Barrengoldes der Welt ist. Denn es erschließen sich ihnen weitere Märkte für ihre Waren, sobald mehr fremde Staaten über eine Währung verfügen, die wie die eigene auf der Golddeckung beruht.
Der Zustand der Papierwährungen und die dem Umlauf entzogenen Goldreserven der verschiedenen europäischen Staaten stellen eine so konfuse Vielfältigkeit von Faktoren, sowohl günstiger wie ungünstiger Natur dar, daß ein Studium dieser Verhältnisse im ganzen wünschenswert erscheint. In gewissen Ländern hat die Inflation des Papiergeldes so gut wie aufgehört, in anderen geht sie in immer rascherem Tempo vor sich, während in nur ganz wenig Fällen eine wesentliche Deflation bereits Platz gegriffen hat.
In jeder dieser Kategorien sind große wie kleine Staaten vertreten. Am stärksten haben ihren Papiergeldumlauf die neutralen Staaten und Großbritannien eingeschränkt. Frankreich und Italien dürfen, wie die Tschechoslowakei jenen Ländern zugerechnet werden, in denen die Menge der im Umlauf befindlichen Zahlungsmittel relativ stabil geworden zu sein scheint, wenngleich gerade Frankreich wie Italien fortfahren, die Last ihrer kurzbefristeten Schuld zu vergrößern. Eine Inflation der Zahlungsmittel geht weiterhin vor sich in Deutschland, Österreich, Ungarn, Polen und verschiedenen anderen osteuropäischen Staaten.
Rein an den Goldreserven gemessen, scheinen die europäischen Verhältnisse etwas gebessert, obwohl das Gold nicht in freien Umlauf ist und zudem von den Notenbanken als Reserve für die Depositen zurückgehalten wird. Die Etatsverhältnisse in den verschiedenen europäischen Ländern weisen jedoch weitgehende Unterschiede auf; denn einige verfügen über überraschend große und andere über so gut wie gar keine Goldbeträge.
Die Frage, die sich dem Beobachter am allerstärksten aufdrängt, ist die der endgültigen Festsetzung des Wertes der einzelnen Währungen in Gold ausgedrückt. Dieses Wertverhältnis muß irgendwie fixiert werden (und zwar nicht unbedingt nach der Vorkriegsparität), wenn jemals in der Welt wieder ein internationaler oder Inlandshandel ohne die Zufälle der stark schwankenden Wechselkurse möglich werden soll. Dies kann jedoch nicht geschehen, bis nicht diejenigen Regierungen, die ihre unterwertigen Zahlungsmittel mit Hilfe ihrer Notenbanken noch weiter vermehren, ihre Budgets durch verstärkte Besteuerung und Verminderung der Ausgaben ausgeglichen haben oder die Defizits ihrer Budgets durch irgendwelche andere Mittel sanieren. Vielleicht ist es zu viel erhofft, daß eine dieser Methoden sofort von jenen Regierungen angewendet werden wird, die zu schwach sind, um die benötigten Mittel durch Besteuerung oder direkte Anleihen aufzubringen. Solch ein Programm müßte auf der Bereitwilligkeit des Volkes beruhen, Lasten zu ertragen, welche auf sich zu nehmen jetzt immer wieder auf morgen verschoben wird, obwohl sie dadurch nur noch weiter anwachsen. Diese Beobachtung trifft natürlich nicht auf alle europäischen Regierungen zu; denn einige unter ihnen befolgen durchaus den rechten Weg, der zur Gesundung ihrer Finanzverhältnisse hinführt. Es bedarf jedoch Zeit, um auf diesem Wege zu Resultaten zu gelangen; denn Steuern können nicht plötzlich heraufgeschraubt und staatliche Ausgaben nicht auf einmal in großem Umfange herabgesetzt werden, ohne das jeweils vorhandene innere Gleichgewicht über den Haufen zu werfen.
Tatsächlich mag es denn auch bezweifelt werden, ob eine sofortige Stabilisierung wirklich notwendig oder wünschenswert ist, bis nicht ein einigermaßen gleichbleibendes Warenaustauschverhältnis hergestellt ist. Die Notierungen gewisser europäischer Zahlungsmittel, vor allem des Pfund Sterling, sind in den letzten Monaten so stark hinaufgegangen, daß sie jetzt im meßbaren Abstand von ihrer früheren Parität sich befinden, und diese Verbesserung ist erfolgt, ohne daß sichtlich durch sie die Depression verschärft worden wäre, welche Europa durchzumachen hat.
Angesichts solcher Erfahrungen mit der Deflation muß ernsthaft an eine „Revaluation“, eine Neubewertung gewisser Papiergeldwährungen gedacht werden. Schon wird aus Rußland berichtet, daß es seine Zahlungsmittel neu valuiert hat, indem es anordnete, daß 10 000 alte Rubel nur mehr einen neuen „Gold“-Rubel wert sein sollen; aber solch eine Revaluation ist wertlos, da sie nur auf einem Machtspruch der Regierung beruht und nicht auf der Möglichkeit, die neuen Rubel in Gold umzuwechseln. So kommt es denn auch, daß es in Rußland, abgesehen von ein paar Städten, ein Geschäft nur im Tauschhandelswege gibt und die neuen Rubel, wenn sie zur Ausgabe gelangen, den gleichen Prozeß der Entwertung durchmachen, wie die außer Kurs gesetzten.
Die hauptsächlichste Schwierigkeit bei den meisten Vorschlägen für eine Revaluation der entwerteten Währungen, so angebracht und unvermeidlich der Prozeß in manchen Fällen sein mag, ist die, daß sie keine Möglichkeit vorsehen, den Wert des für stabil Erklärten in Gold oder ein sonstiges Edelmetall, dessen Wert relativ stabil ist, umzutauschen. Solange nicht die Konvertabilität eines Zahlungsmittels in einen anerkannten Wertmaßstab, der selbst seinen Wert nur sehr langsam verändert, festgelegt und auch aufrechterhalten werden kann, sind alle Vorschläge für eine Revaluation verfrüht und der Prozeß, selbst wenn er angebahnt wird, wird weiter nichts bedeuten, als einen neuen Anfang zum gleichen Gang der Inflation.
Zeit und ein erhebliches Maß von Selbsthilfe tun not, ehe es klug oder vorteilhaft sein wird, jene Währungen zu revaluieren, die unmöglich zu ihrer alten Parität zurückgebracht werden können. Von Regierungen, welche, wie etwa diejenige Deutschlands, unter so starker finanzieller Beanspruchung zu leiden haben, kann nicht erwartet werden, daß sie schon in einem oder zwei Jahren ihre Budgets zum Ausgleich bringen; auch dürfen wir nicht damit rechnen, daß das wirtschaftliche Gleichgewicht Europas durch eine einzige internationale Konferenz wiederhergestellt werde. Und doch müssen diese Dinge getan werden und sie werden in der Tat auch langsam durchgeführt; sind sie einmal durchgeführt, so werden wir vielleicht feststellen können, daß das Währungsproblem sich nahezu von selbst gelöst hat, oder leicht dadurch gelöst werden kann, daß konvertable Zahlungsmittel geschaffen und aufrechterhalten werden, neben denen die nicht konvertablen Zahlungsmittel in einem festgesetzten Wertverhältnis zu ersteren zirkulieren, wie das hier und da bereits der Fall ist.
Eine Periode, während welcher selbst nur geringere Verbesserungen durchgeführt werden, begünstigt gleichwohl die gradweise Stabilisierung der Währungen, und dies ist mehr wert als manche Konferenz. Nur die Zeit wird den Ausgleich von Besteuerung und Ausgaben und die Ansammlung von Goldreserven erlauben, was beides von absoluter Wichtigkeit, aber freilich auch gleich schwer zu erzielen ist.
New York, 6. Juni.
Francis H. Sisson
Vizepräsident der New Yorker Guaranty Trust Company